Durch eine für die damalige Zeit herausragend tolerante
Religionspolitik des Büdinger Grafen war das Büdinger
Land zu einer Zufluchtstätte für Glaubensminderheiten
geworden. Nach Hugenotten, Waldensern und verschiedenen
Gruppen der Inspirierten fanden 1736 die Herrnhuter
Brüder hier Aufnahme. Nachkommen der Böhmisch-Mährischen
Brüderkirche, die auf der Reformbewegung von Jan
Hus (gest. 1415) zurückgeht, hatten als Glaubensflüchtiglinge
1722 auf dem sächsischen Gut des Grafen Nikolaus
Ludwig von Zinzendorf (1700 - 1760) eine neue Heimat
gefunden. Der neugegründete Ort "Herrnhut"
wurde Anziehungspunkt für engagierte Christen unterschiedlicher
Herkunft. Nach wenigen Jahren schon war hier eine bruderschaftliche
Gemeinschaft entstanden, die "Herrnhuter Brüdergemeine“.
Zinzendorf selbst war Bruder geworden und wirkte als
Seelsorger und Prediger prägend in der Gemeinde.
So traf es die junge Gemeinschaft hart, als Zinzendorf
1736 aus Sachsen verbannt wurde. Im Büdinger Land
fand er mit einem Teil der Gemeinde Aufnahme.
War der Ort Herrnhut als Exulantensiedlung
noch ohne eine feste Planung gewachsen, so wurde Herrnhaag
für die Erfordernisse der inzwischen deutlich geprägten
Lebens- und Dienstgemeinschaft der Brüdergemeine
konzipiert. Damit ist Herrnhaag die erste planmäßig
angelegte Herrnhuter Siedlung. Sie wurde zum Modell
für viele Brüdergemeingründungen in Europa
und in Übersee. Neben der Ortsanlage als Ganzes
ist auch der Herrnhaager Versammlungssaal zum Prototyp
des Herrnhuter Kirchensaals geworden. Als Architekten
kennen wir den am Dresdner Hofe geschulten Siegmund
August von Gersdorff. Auf ihn geht die Architektur zurück,
die hier in der Wetterau als "sächsischer
Barock" bezeichnet wird. Dass zu den erhaltenen
Resten der Herrnhaager Siedlung der Kirchensaal gehört,
macht den Herrnhaag noch heute zu einem Kleinod kirchlicher
Baugeschichte.
In der Architektur und in der Anlage
des Ortes Herrnhaag kommen Frömmigkeit und Gemeindeverständnis
klar zum Ausdruck. Gemeinde ist nach Überzeugung
der Brüder nicht in erster Linie dort, Gottesdienste
gehalten werden, sondern überall wo Christen in
enger Gemeinschaft miteinander leben und arbeiten. So
sind die wesentlichen Gemeinschaftsgebäude um einen
quadratischen Platz angeordnet, dessen Mitte der Brunnen
ist. Ein eigentliches Kirchengebäude gibt es nicht.
Der zweistöckige Versammlungssaal, von außen
nicht erkennbar, befindet sich in dem großen Gemeinhaus,
heute "Grafenhaus" oder im Volksmund auch
"Lichtenburg" genannt. Es wurde als großes
"Wohnzimmer der Gemeinde" (Zinzendorf) verstanden
und diente nicht nur als Kirchensaal für Gottesdienste
sondern auch für alle Zusammenkünfte, die
einen großen Raum benötigten. Charakteristisch
für das Leben in einer Brüdergemeine war,
dass kein Glied allein leben musste. Alle, die ohne
Familie waren, unverheiratete Frauen, ledige Männer,
Witwen und Witwer, lebten und arbeiteten in ihren jeweiligen
Gemeinschaftshäusern, den so genannten "Chorhäusern".
Jugendliche fanden hier ihre Ausbildung, Alte ihre Versorgung
durch die Gemeinde. Diese vier Chorhäuser bildeten
äußerlich die Eckpunkte des Platzes und waren
auch innerlich die tragenden Pfeiler der Gemeinde und
ihrer diakonischen und missionarischen Aufgaben. Das
Schwesternhaus ist als Zeuge dieser Gemeindestruktur
erhalten geblieben
Tüchtige Handwerker, Maler,
Musiker, Architekten und Künstler stellten hier
ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinde. Von
ihnen gelangte die Künstlerfamilie Roentgen zu
Weltruhm. Seine Ausstrahlung hat der Ort durch die schlichte
Schönheit seiner Barockhäuser, die ein sichtbarer
Ausdruck der dort einmal gelebten fröhlichen Frömmigkeit
ist.
Nur zwölf Jahre hat die Brüdergemeine
Herrnhaag bestanden. In diesen Jahren wurde sie zum
Zentrum der weltweiten Missionsarbeit der Herrnhuter.
Fast 1000 Einwohner zählte der Ort, allein 600
Missionare sind von hier ausgegangen, um in verschiedenen
Erdteilen, bei amerikanischen Sklaven und Indianern,
bei Negern und Eskimos die frohe Botschaft von Christus
zu predigen. Gleichzeitig entstanden auch in Europa
neue Brüdergemeine-Siedlungen.
Das Losungsbüchlein von 1739
nennt bereits 37 verschiedene Orte und Regionen in vier
Erdteilen, wo Herrnhuter Brüder im Dienst des Evangeliums
stehen. In der Abschiedsrede, die Zinzendorf im Herrnhaager
Saal der im Aufbruch befindlichen Gemeinde hielt, heißt
es: "Es träumte niemand, dass das ganze Werk
hier an der Haager Kirche ein Haus Gottes für die
ganze Welt werden sollte. Aber der Heiland hat es so
gewollt. Wir haben hier in 25 Sprachen zugleich dem
Heiland gesungen, mehr als einmal... "
Nach dem Tod von Fürst
Ernst Casimir von Ysenburg-Büdingen gewann unter
dessen Sohn und dem Regierungsrat Brauer eine eher absolutistische
Haltung in der Büdinger Regierung Gewicht, die
dem wirtschaftlichen Erfolg und der religiösen
Attraktivität der Herrnhaager kritisch ablehnend
gegenüber stand. Man forderte von der Herrnhaager
Gemeinde nicht nur die Huldigung sondern verlangte von
ihnen auch die Abkehr von Zinzendorf. Beides wurde von
den Brüdern abgelehnt. Infolgedessen sollten Sie
innerhalb von drei Jahren die Siedlung verlassen - aber
schon sehr viel früher lebten nur noch einige wenige
Menschen auf dem Herrnhaag.
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